Bacardi
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--> Vorwort

Diese Geschichte ist aus den geistigen Ergüssen von Ines (die schließlich die Idee dazu hatte) und mir entstanden. Auslöser, so ein tolles Projekt überhauptzustarten, war das 40jährige Jubiläum vom Albert-Einstein-Gymnasium, zu dem die Projekttagestattgefunden haben. Jede Schülergruppe musste irgendetwas zustande bringen und zum Schluss auch vortragen. Also haben wir uns zusammengesetzt und unsere Köpfe rauchen lassen... Viel Spaß beim Lesen!





Das AEG 1966 - 2006: Eine Zeitreise

Einleitung

Wir schreiben das Jahr 5966, in dem unsere Helden - Miu (15 Jahre alt) und Joel (16) mit ihrem Putty Koya - eine Zeitreise machen. Sie gehen auf das AEG, das sein 4000jähriges Jubiläum feiert, und zu diesem Anlass machen die Schüler im Fach Geschichte eine Zeitreise, in der sie jeweils 40 Jahre Zeitgeschichte des AEG untersuchen – was sie jedoch erst im Laufe des Tages erfahren werden. Unsere Protagonisten werden sich die ersten 40 Jahre aussuchen, und nun sind sie auf dem Weg zur Schule.


Kapitel 1

„Jetzt beeil dich doch!“, rief Joel. Entnervt blieb er stehen und sah auf seine Uhr. Warum Miu auch ständig verschlafen musste! Wenn sie weiterhin so trödelte, würden sie – wie es schließlich schon ein paar Mal in diesem Schuljahr vorgekommen war – garantiert zu spät zum Unterricht kommen. Nicht, dass es Joel großartig etwas ausmachen würde, denn sie hatten montags in der ersten Stunde Kunst, und er fand es im Gegensatz zu den meisten anderen Jungen aus seiner Klasse sehr peinlich, wenn sich Miss Neneko (die einzige Lehrerin am AEG – sehr jung und sehr große Brüste, womit die Sache mit der fehlenden Qualifikation auch schon geklärt wäre) lasziv auf dem Pult räkelte.
Dennoch war das kein sehr bedeutender Grund, ständig zu spät zu kommen, und Miu trieb es manchmal wirklich auf die Spitze, wenn sie ihm im Schlafanzug die Tür öffnete. Das war nun etwas, was Joel nicht allzu viel ausmachte, denn Miu standen Schlafanzüge sehr gut. Sie betonten ihre tolle Figur und... Schluss damit!, rief er sich zur Ordnung. Ich werde ihr gleich mal gehörig die Meinung sagen. Es kann doch nicht sein, dass sie jedes Mal verschlafen muss! Entschlossen kickte er einen Stein beiseite. Diesmal würde er sich nicht von ihrem lieben Dackelblick und ihren gehauchten Entschuldigungen aus dem Konzept bringen lassen. Er blickte auf das Putty Koya auf seiner Schulter, eines der Datenträger, die die Schüler paarweise in der 10. Klasse von der Schule bekamen und welche sehr multitasking waren. Koya war, seit sie es hatten schon von Anfang an eher auf Joel als auf Miu fixiert, was für Joel verständlich war, da Miu ein sehr temperamentvolles Mädchen war. Temperamentvoll, aber auch so einfühlsam... Die Tür zu Mius Elternhaus öffnete sich, und Miu trat mit wehendem, langen Haar (eine leichte Brise war aufgekommen) und in einem traumhaften, knappen Raumanzug heraus. Joel atmete noch einmal tief durch und versuchte, sich selbst zu motivieren. Du schaffst das, sag’ ihr einfach die Meinung; es ist schließlich nicht in Ordnung, wenn du ihretwegen zu spät kommst.
„Hör’ mal, Miu...“ Weiter kam er nicht, denn Miu kam gut gelaunt auf ihn zu und flötete: „Danke, Joel, dass du auf mich gewartet hast. Ich weiß, es ist wirklich unverantwortlich von mir, immer noch ein paar Minuten liegen zu bleiben, aber du wirst das doch sicher verstehen. Ich meine, welches nicht von übermäßig viel Testosteron gesteuerte Wesen möchte schon freiwillig zum Kunst-Unterricht mit Miss Neneko?“ Verächtlich sprach sie den Namen aus und ging nun großen Schrittes voran, während sie sich abfällig in einem Wortschwall über ihre Lehrerin äußerte. Joel seufzte wieder und setzte sich in Bewegung. Großartig hast du das gemacht, dachte er bei sich. Flüsternd sagte er zu Koya: „Na, der haben wir aber mal ordentlich die Meinung gesagt, oder?“ Aus Koyas Blick sprach die pure Resignation.

„Wo zum Henker seid ihr bloß geblieben? Ihr seid ganze 17 Minuten zu spät, oh, und sagt nichts. Lasst mich raten: Miu, du hast mal wieder verschlafen und dein treuer Verehrer Joel“ – ein Kichern ging durch die Klasse, was Miu zwar ganz gelassen hinnahm, Joel jedoch die Schamesröte ins Gesicht trieb – „hat brav auf dich gewartet. Es schickt sich zwar, wenn eine Dame etwas zu spät kommt, aber ihr habt Schule – oh Miu, hörst du wohl auf zu gähnen! – und bekommt deshalb einen Eintrag ins Klassenbuch.“ Miss Neneko war mit ihrem Tadel an Miu und Joel fertig und gab ihnen zu verstehen, dass sie sich setzen sollten, indem sie ihre unmenschlich großen Brüste aufs Pult ablegte und die beiden Zu-spät-Kommer ins Klassenbuch eintrug. Miu rollte mit den Augen und setzte sich.
„So, meine lieben Schüler, das neue Halbjahr hat angefangen und unser neues Thema“ – mit einer eleganten Drehung platzierte sie ihren Hintern auf das Pult, schlug provokant die Beine übereinander und zupfte an ihrem Dekoltée herum – „für den Rest des Schuljahres wird moderne Aktmalerei sein.“ Sie lächelte verzückt. Die Mädchen zogen skeptisch die Augenbrauen hoch und die Jungen bekamen glasige Augen. Sie alle ahnten, dass das noch nicht alles an Neuigkeiten gewesen war. Schließlich fasste sich eine der Schülerinnen ein Herz und fragte verwirrt: „Aktmalerei? Wie stellen Sie sich das denn vor? Wer wird denn immer das Modell sein?“ Miss Neneko sprang mit hysterischer Euphorie auf und strich sich mit einem verführerischen Lächeln eine Strähne aus dem Gesicht. Die Mädchen graute schon vor der Antwort, und schon trällerte sie los: „Da ich mir intelligenterweise die Suche nach einem anderen Modell erspart habe ist natürlich klar, wer das stattdessen übernehmen wird“ – sie posierte übertrieben lasziv vor der Tafel – „ich natürlich, wer denn sonst?“ Ein entnervtes Raunen ging durch die Reihen der Mädchen und ihre Niedergeschlagenheit war förmlich zu spüren. Im Gegensatz dazu waren die freudigen Jubelschreie der Jungen zu vernehmen. Joel und Miu sahen sich an und rollten mit den Augen. Das würde wieder ein schreckliches Halbjahr in Kunst werden. Währenddessen sprang Miss Neneko hin und her und verteilte, immer an ihrem knappen Minirock zupfend, Blöcke und Zeichenmaterial an die Schüler. „So meine Lieben, dann wollen wir mal anfangen. Konzentriert euch gut und achtet auf Details. Das ist in der Kunst sehr wichtig!“ Kurz darauf vernahm man auf Seiten der Jungen das Geräusch von kratzenden Stiften auf Papier, während die Mädchen mit deutlich weniger Begeisterung ihre Bleistifte über das Papier schoben.
Nach 45 Minuten war die morgendliche Stunde des Schreckens für Miu und Joel vorbei. Geschafft schleppten sie ihre Körper zum nächsten Klassenraum, in dem sie nun Geschichte hatten. Dort angekommen wurden merkwürdigerweise alle Mädchen plötzlich hektisch und kramten in ihren Taschen, und auch Miu packte ihr Beautycase aufgeregt aus. Joel verdrehte die Augen. Natürlich, schon wieder Geschichte bei ihrem Wunderlehrer, Mister Pendalez, dem Einzigartigen und Unvergleichlichen, oft von Schülern kopierte aber nie erreichte Sonnyboy. Joel beugte sich zu seinem Sitznachbarn herüber und flüsterte: „Glaubst du, die Mädchen wissen immer noch nicht, dass er schwul ist?“ Als Antwort bekam er ein verächtliches Kopfschütteln.
Schon trat er durch die Tür, und ein Seufzen ging durch die Reihen der Mädchen, die auf einmal hektisch an ihren Klamotten herumzupften und sich gegenseitig fragten, ob ihre Wimperntusche verschmiert sei. Mister Pendalez setzte sich auf das Pult und schaute durch die Klasse. „Guten Morgen, allerseits. Ihr könnt eure Geschichtsbücher wieder wegpacken, denn ich habe eine Überraschung für euch. Wie einige von euch vielleicht wissen, wurde das AEG im Jahre 1966 gegründet. Wer hier gut im Kopfrechnen ist wird bemerkt haben, dass wir uns im Jahr 5966 befinden – und dass das Albert-Einstein-Gymnasium dieses Jahr sein 4000jähriges Jubiläum feiert. Ihr braucht euch jetzt nicht an dieser Rechnung aufzuhängen, also könnt ihr auch aufhören zu tuscheln.“ Ein paar der Schüler senkten beschämt den Kopf. „Ich habe mich vor dem Lehrerkollegium dazu bereit erklärt, dass dieser Geschichtskurs“ – bei den nächsten Worten blickte er wieder in die Runde – „dazu fähig ist, in die Vergangenheit zu reisen und die Zeitgeschichte des AEG’s zu erforschen.“ Im selben Moment ging draußen vor dem Geschichtsraum Professor N vorbei, wobei er seltsamerweise laute Rufe hinter der geschlossenen Tür vernahm. Äußerst merkwürdig, dachte er. Das hört sich doch fast so an, als würden die Schüler auf einmal ganz begeistert für das Fach Geschichte sein! Dieser Mister Pendalez ist schon ein toller Hecht. Er versteht es, den Schülern Spaß am Lernen beizubringen. Er schweifte mit seinen Gedanken ab und ging - über seine neue Theorie der Quantenphysik grübelnd - weiter.
Im Klassenraum hatte es Mister Pendalez irgendwie geschafft, seine Schüler zu beruhigen und Ruhe einkehren zu lassen. „Okay, nachdem ihr alle wieder still geworden seid, können wir uns ja überlegen, wie wir die 4000 Jahre unter euch aufteilen wollen. Da ihr etwas weniger als 100 Schüler und Schülerinnen seid“ – die Mädchen waren davon begeistert, dass er für sie extra noch die weibliche Bezeichnung aussprach – „solltet ihr euch in Zweier- oder Dreiergruppen zusammenfinden. Das möchte ich möglichst heute noch geschafft haben, da am Samstag schon die Zeitreisen stattfinden werden und wir bis dahin noch sehr viel tun müssen.“ Den Rest der Stunde entbrannten Diskussionen, wer denn mit wem welchen Zeitabschnitt machen sollte. Joel blickte hoffnungsvoll zu Miu herüber. Vielleicht wollte sie ja das Projekt mit ihm machen. Er nahm also seinen Mut zusammen und stand auf, um zu ihr herüber zu gehen und sie zu fragen. Doch dann bemerkte er, dass zwei ihrer Freundinnen (Miu war schließlich sehr beliebt in der Klasse) auf sie zusteuerten. Entmutigt ließ Joel sich wieder auf seinen Stuhl sinken und blickte nach vorne an die Tafel. Dadurch sah er nicht, wie Miu durch Kopfschütteln ihren beiden Freundinnen zu verstehen gab, dass sie nicht mit ihnen das Projekt machen wollte und danach entschlossen zu ihm herüber kam. Als sie ihn schließlich auf die Schulter tippte und sagte: „Hey, ich hätte erwartet, dass du zu mir herüber kommst und mich fragst, ob wir zusammen arbeiten! Wir sind doch schließlich ein unschlagbares Team, und wenn dieses Projekt bewertet wird, sind wir die ersten Einser-Kandidaten“, fuhr er beinahe vor Schreck zusammen. Irgendwie schaffte er es aber, nicht vom Stuhl zu fallen und ihr stotternd eine Antwort zu geben. „Nein, ich meine ja natürlich habe ich... ich meine, gerne, sehr gerne sogar... ich meine, versteh’ mich nicht falsch, ich wollte... Oh, klar, ich würde liebend gern mit dir zusammen die Zeitreise machen“, schloss er lahm. Sie musste ihn doch für komplett verrückt halten! Jetzt wird sie bestimmt lachen und sagen... Er wurde jedoch in seinem trübseligem Gedankengang unterbrochen, denn sie rief erfreut aus: „Prima, dann werde ich gleich Mister Pendalez Bescheid geben, dass wir ein Paar sind.“ Anscheinend ist ihr nicht bewusst, was sie gerade gesagt hat, oder sie hat es mit Absicht so gesagt, dachte Joel. Die Befürchtung, dass sie jetzt mit elegantem Hüftschwung nach vorne ans Pult zu Mister Sonnyboy gehen und ihm – wahrscheinlich noch im Flüsterton, damit er sich zu ihr herüberbeugen musste – ließ Joel wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl aufspringen und viel zu laut ausrufen: „Ach, lass mich das doch machen. Es wird gleich bestimmt ein Gedränge vorne geben, und ich dachte, da ist es vielleicht sicherer...“ Er sprach den Satz nicht zuende, bemerkte aber, wie er rot im Gesicht wurde und nervös von einem Bein aufs andere trat. Miu lächelte und nickte. Wie süß, dachte sie, während sie zu ihrem Platz zurückging. Ist er etwa eifersüchtig? Na, das lässt sich ganz leicht herausfinden. Verschmitzt lächelnd ging sie wieder zu ihrem Platz.

Der restliche Verlauf des Schultages verlief relativ ereignislos. Irgendwie schafften sie es, die Doppelstunde Mathe hinter sich zu bringen, um sich dann müde zum Klassenraum für Gentechnik zu schleppen. Professor N, den sie in diesem Fach hatten, hielt ihnen einen Vortrag über die Drosophila Melanogusta, die immerhin fast 50% ihrer Gene mit dem Menschen gemeinsam hatte.

Kapitel 2

Ähnlich wie diese beiden letzten Doppelstunden vom Montag verliefen auch der Dienstag und der Mittwoch. Erst der Donnerstag schien vielversprechender zu werden. Joel freute sich, dass Miu ausnahmsweise nicht verschlafen hatte (auch wenn das AEG schon seit einigen Jahrzehnten die „School Of Science And Technology“ war und zu einem Internat – mit großen Gebäudekomplexen und riesigen Sportanlagen, umgeben von großzügig angelegten Parks - für inzwischen fast 2000 Schüler und Schülerinnen umgebaut worden war und ihnen die Möglichkeit für ein weltweit geltendes Abitur bot), und sie kamen nicht zu spät zu Ernährung und Gesundheit – ein Fach, das sie ebenfalls mit Miss Neneko hatten. In dieser Stunde durften sie wieder kochen, was sie jedoch später auch essen mussten. Das wiederum war etwas, auf das sich Joel gar nicht freute. Im Laufe des Schuljahres hatte er Mius Kochkünste zur Genüge kennen gelernt, und er war bis heute absolut kein Fan davon geworden. Miu und Joel berieten sich, was sie denn kochen sollten, und sie einigten sich auf Nudelauflauf (vegetarisch, da Miu nicht sonderlich auf Gerichte mit Fleisch stand). Aber irgendwie musste sie wohl zu großzügig mit Salz und Oregano umgegangen sein, denn als er den ersten Bissen im Mund hatte, musste Joel sich zusammenreißen, um nicht aufzuspringen und zum Mülleimer zu rennen. Tapfer schluckte er den Bissen hinunter und kämpfte mit den Tränen. Zum Glück hatte Miu nichts davon mitbekommen, da sie in dem Augenblick mit Miss Neneko – die heute ein knappes Schürzchen trug – darüber diskutierte, ob Schokostreusel zu Nudelauflauf passten oder nicht. Kurze Zeit später war auch das geklärt. („Wenn es zu einem romantischem Dinner passt und danach ein kleines Abenteuer gestartet werden kann, ist das natürlich vollkommen in Ordnung, mein liebes Kind.“ Kopfschüttelnd drehte sich Miu um und setzte sich wieder neben Joel. „Was für eine komische Lehrerin. Ich frage mich ernsthaft, wie die ihre Qualifikation bekommen hat. Na, schmeckt dir diese kulinarische Exkursion, die wir hier in phantastischer Teamarbeit zustande gebracht haben?“ Joel, der es ja trotzdem irgendwie fertiggebracht hatte, das verwürzte Etwas in seinem Mund herunterzuschlingen beeilte sich zu sagen: „Oh, ähm ja natürlich, das schmeckt doch immer toll, wenn du würzt. Wirklich, sehr lecker.“ Er konnte ihr einfach nicht sagen, dass es grauenvoll schmeckte. Aber wenn sie gleich etwas von ihrem „Kunstwerk“ probieren würde, dann würde sie es schon merken, dass es ihm überhaupt nicht schmeckte, und dass er sie deswegen angelogen hatte. Er bekam jetzt schon Magengrummeln von dem Gedanken daran. Glücklicherweise warf sie in diesem Moment ein: „Wie schade, dass ich keinen Hunger habe. Aber wir dürfen ja nichts davon mit auf unsere Zimmer nehmen, also muss ich heute wohl oder über darauf verzichten.“ „Nun ja, da kann man nichts machen. Wir können demnächst ja einen anderen tollen Auflauf machen. Los, wir müssen aufräumen, damit wir auch pünktlich zu Geschichte kommen. Heute werden wir nähere Informationen zu den Projekttagen erfahren.“ Wenigstens war Miu richtig gut wenn es darum ging, aufzuräumen. Joel hatte das Gefühl, dass ihre Töpfe und Pfannen jedes Mal die Glänzendsten der ganzen Klasse waren.
Geschichte fing an, ihnen richtig Spaß zu machen. Normalerweise war es ein Fach, das nicht allen Schülern lag, doch die Aussicht auf interessante Zeitreisen in die Vergangenheit freute die Schüler immer mehr. Schließlich waren es die ersten Zeitreisen für sie, denn vorher durften sie keine machen. Ohne Ausnahme waren sie diesmal alle pünktlich, und alle fieberten dem Augenblick entgegen, wenn Mister Pendalez durch die Tür treten und ihnen alles über Zeitreisen berichten würde. In zwei Tagen würden die Schüler in den Kapseln sitzen, und dieser Gedanke machte sie ein wenig nervös. „Guten Morgen, allerseits. Wie ich sehe, seid ihr alle anwesend. Sehr schön, dann können wir auch gleich anfangen, da wir in dieser Doppelstunde alles für den kommenden Samstag besprechen müssen. Die Gruppen sind alle zusammengestellt, und die Schulleitung hat beschlossen, dass ihr eure Puttys mitnehmen dürft.“ Ein Gemurmel ging durch die Reihen der Schüler, und ein Mädchen fragte: „Wie soll das denn vonstatten gehen? Ich meine, unsere Puttys sind doch gar nicht für Zeitreisen geeignet.“ „Das sind sie noch nicht. Morgen findet in der zweiten Stunde noch eine Besprechung in der Aula statt, und dann werden euch die nötigen Zubehörteile für die Zeitreise gegeben. Gebt gut auf diese Sachen Acht, denn wenn sie kaputt gehen, könnt ihr eure Zeitreise vergessen, da ihr sonst keine Daten sammeln könnt. Kommen wir nun auf die einzelnen Gruppen zu sprechen. Jede Gruppe wird sich drei oder vier Jahreszahlen aus der 40 Jahre dauernden Zeitspanne, die ihr jeweils bearbeiten werdet, heraussuchen und schauen, was in diesen Jahren in oder mit der Schule passiert ist und was sich sonst Wichtiges in Deutschland ereignet hat. Miu und Joel, ihr seid in meiner Liste die mit den ersten 40 Jahren. Ich würde euch folglich vorschlagen, dass ihr direkt das erste Jahr – also 1966 – nehmt. Hinzu kommen dann noch die zwei oder drei anderen Daten. So, ihr dürft nun aus dem Klassenraum herausgehen und euch beratschlagen, in welche Jahre ihr noch reisen werdet. Wenn ich mit einer Gruppe fertig bin, geht ihr bitte ebenfalls hinaus. Die nächsten 40 Jahre haben...“ Ein Stöhnen entfuhr den Schülern, die ihre 40-Jahres-Abschnitte erst ganz am Ende hatten. Miu und Joel hingegen liefen gut gelaunt aus dem Klassenraum und gingen im Schulpark spazieren, damit sie in Ruhe über die Jahre diskutieren konnten, welche sie mit in ihre Zeitreise einbeziehen wollten.

Kapitel 3

„Hierher, Joel! Hier bin ich! Tut, mir leid Junge, der Platz neben mir ist schon besetzt. Joel! Du meine Güte, wenn das so weitergeht, bin ich morgen heiser.“ Miu hüpfte auf einer Stelle und versuchte durch wildes Armgefuchtel (was einem Jungen neben ihr fast die Brille vom Kopf geschlagen hätte) Joels Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ihm so zu bedeuten, dass sie für ihn einen Platz freigehalten hatte. Joel blickte sich währenddessen verwirrt um, denn er war überzeugt, dass gerade jemand seinen Namen gerufen hatte. Endlich entdeckte er Miu, und erleichtert bewegte er sich zu der Reihe, in der sie saß. Alle Schüler aus den beiden Geschichtskursen hatten sich in die Sitzreihen gequetscht, und viele wollten ausnahmsweise mal nach ganz vorne, damit sie auch alles mitbekommen konnten was der Direktor gleich zu ihnen sagen würde. Schuldirektor Gosch war kein typischer Direktor. Im Gegenteil: er hatte immer Hawaii-Hemden an, bei denen er es irgendwie jedes Mal schaffte, die Knopfleiste auf dem Rücken zu haben. Jeder wunderte sich, wie er es nur fertigbrachte, die Knöpfe hinten zuzumachen. Er hatte keine Frau, aber stattdessen begnügte er sich mit seinem Flachmann, den er immer in seiner hinteren Hosentasche dabeihatte. Dennoch leitete er die Schule kompetent, und die Schüler waren im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit ihm. Nun trat Direktor Gosch auf die Bühne (an seinen etwas schwerfälligen Schritten merkte man, dass er schon ein bisschen intus hatte), nahm das Mikrophon und sprach ein wenig lallend hinein. „S-Seid gegrüßt, meine Schüler. Ihr wisst ja, wofür ihr [hicks] ihr alle hier seid, also kann ich mir das scho... schon mal sparen. Jede Gruppe wird einzeln nach vorne kommen, sich die Zubehörteile für eure Dingsdas abholen, nach Hause laufen und sich für die morgigen Zeitreisen vorbereiten.“ Einmal in Fahrt, war Direktor Gosch nicht mehr in seiner Rede zu stoppen – auch wenn er angetrunken war. „Zeitreisen sind ungefährlich, und ihr braucht euch deshalb keine Gedanken zu machen und könnt eventuellen ängstlichen Müttern sagen, dass euch rein gar [hicks] nichts passieren wird. Kommen wir nun zur eigentlichen Zeitreise. Wie wird das vonstatten gehen? Das ist ganz einfach: Ihr setzt euch in diese Kapsel, die vollgestopft ist mit elektronischem Zeug. Eure Puttys kommen mit in die Kapsel und werden an diese angeschlossen, damit sie die nötigen Daten für das jeweilige Jahr bekommen. Das werden spezielle Mechaniker machen, die sich damit besser auskennen als Lehrer. Euch werden Hel... Helme aufgesetzt, die an euer zentrales Nervensystem angeschlossen sind. Dadurch wird nur eine Art Projektion in euer Gehirn gesetzt – eure Körper bleiben also während der ganzen Zeitreise in der Kapsel und bewegen sich nicht vom Fleck. Um eventuellen Komplikationen vorzubeugen, wird euer Herzkreislaufsystem überwacht. Es wird immer zwei von diesen komischen Mechanikern geben, die diese Daten von euch auf Monitoren begutachten und im Notfall eingreifen werden. So, nun aber husch husch. Ihr werdet jetzt chronologisch aufgerufen. Wenn ihr eure Namen hört, kommt ihr mit euren Puttys nach vorne und holt euch das Gedöns hier ab, also seid gefälligst still, sonst bekommt ihr nichts mit. Fein, also die ersten sind Joel und Miu. Husch, ab nach vorne mit euch.“ Im Laufe der Zeit wurden die Reihen in der Aula immer lichter, und schließlich waren alle Schüler mit ihren Zubehörteilen versorgt.

To be continued...